Hallo ihr Lieben,

die Stadt Liberia diente uns in Costa Rica als Ausgangspunkt, die Grenze zu Nicaragua zu überqueren. Unseren Grenzübertritt von Malaysia nach Singapur mit eingerechnet, sollte es unser zweiter Staatenwechsel zu Fuß außerhalb Europas werden. Sonst fliegt man ja normalerweise in ein anderes Land. Wir hatten einiges zum Grenzübertritt gelesen, dass es etwas chaotisch abläuft oder, dass einige Reisenden bei bestimmten Zahlungen übers Ohr gehauen wurden. So hatten wir etwas Respekt vor unserem Trip, fühlten uns aber gut informiert, wann man wo wie viel Geld an wen zahlen darf. Am Abend vorher galt es, schon einmal unsere Ausreisesteuer für Costa Rica online zu begleichen. Amüsiert waren wir über das Formular, was wir kurz darauf per Mail erhielten. Dort war genau aufgeschlüsselt, wie sich die 8 US-Dollar Ausreisegebühr zusammensetzen: einen Dollar sollten wir für das Gepäckscannen und die Inspektion bezahlen, fünf Dollar waren reine Ausreisesteuer und noch einmal zwei Dollar für Gepäckscannen und die Inspektion (nein, wir haben uns nicht vertippt). Mensch, dachten wir, die nehmen das mit der Sicherheit bei der Ausreise ganz schön ernst in Costa Rica! Kleiner Teaser: Sie haben unser Gepäck auf der Costa-Rica-Seite kein einziges Mal gescannt oder begutachtet.

Am nächsten Morgen nahmen wir dann also einen Bus zur Grenzstadt Peñas Blancas. Der setzte uns nach zwei Stunden Fahrt vor einem unscheinbaren, grauen Gebäude ab, nachdem wir reihenweise Lkw überholt hatten. Schilder waren Fehlanzeige, es gab nur zwei Straßen, die jeweils links und rechts vom Gebäude entlang führten. Wir folgten einfach den restlichen Leuten im Bus und standen kurz darauf vor einer Glasfront, durch die wir besagte Scanner sehen konnten. Darüber das Wort „Entrada“ – Eingang. Wir sahen wohl trotzdem ein bisschen ratlos aus, also fragte uns ein Fahrer, wohin wir denn möchten. Auf unsere Antwort und die Frage, ob es durch die Glastüren dort gehe, gab es ein Kopfschütteln und eine Handbewegung mit den Worten „Ihr müsst da einmal drumherum gehen“. Gesagt, getan. Wir hievten unsere eingepackten Backpacks einmal ums Gebäude rum und standen kurzerhand vor der Aufschrift „Salida“ – Ausgang. Und da begriffen wir, dass es sich einmal um den „Eingang“ nach Costa Rica und einmal um den „Ausgang“ aus Costa Rica handeln musste. Da wir zum Glück sehr früh da waren, bekamen wir ohne anzustehen unsere Ausreisestempel und wurden mit den Worten „Da die Straße runter“ weiter geschickt – nix mit Gepäck scannen.

Wir gingen also die Straße runter, vorbei an Holzhütten, wartenden Lkw und Autos. Ein weiterer Checkpoint fragte nur kurz, ob wir unsere Ausreisestempel hätten, dann schickte man uns weiter die Straße runter, die zu einer unübersichtlichen Kreuzung anwuchs. Wir hielten uns wieder bei den anderen Fußgängern, Schilder gab es nämlich auch hier keine. Dann noch ein Checkpoint, noch einmal Pass vorzeigen, noch einmal ein ausgestreckter Arm in die wage Richtung eines größeren Gebäudes. Dieses beinhaltete den Nicaragua-Grenzposten. Nun wurde es spannend. Seit 2018 hat sich das Land grundlegend verändert und es herrscht aktuell eine Quasi-Diktatur, inklusive wenig Pressefreiheit* . Unsere Airbnb-Gastgeberin hatte ausdrücklich geschrieben, wir sollen als Beruf auf keinen Fall Journalist, Reporter oder ähnliches angeben. Ein sehr guter Tipp für Lenny, der trotzdem wegen der Fotoausrüstung etwas Bedenken hatte. Sogar Ferngläser und Drohnen sind wohl an der Grenze schon konfisziert worden. Bevor wir ins Gebäude reinkamen, mussten wir erst einmal einen Dollar an den Mayor der Stadt zahlen. Unsere Grenzbeamtin fand unsere Antworten auf die vielen Fragen wohl zufriedenstellend und verpasste unserem Pass einen Stempel. Dann galt es wieder zu zahlen. Diesmal 13 Dollar Einreisesteuer pro Person. Blöd nur, dass natürlich kein Wechselgeld verfügbar war, so mussten wir der guten Dame wohl oder übel vier Dollar Trinkgeld geben, da wir den Betrag nicht passend hatten. Tatsächlich wurde unser Gepäck diesmal aber auch gescannt und schwupp waren wir auch schon in Nicaragua!

Kaum hatten wir das Gelände des Grenzpostens verlassen, wurden wir auch schon von Taxifahrern, Geldwechslern und SIM-Karten-Verkäufern umschwärmt, die alle gleichzeitig ihre Dienste anboten. Ein sehr beliebter Satz von Taxifahrern ist hier „Bus? Nein, der fährt leider nicht“, mit dem Zusatz, er würde uns ja überall hin fahren. Wir wussten natürlich, dass ein Bus fährt. Nur wussten wir noch nicht genau, wo. Nachdem wir die Traube Dienstleister abgeschüttelt hatten, fanden wir doch noch jemanden, der uns den Weg zum Terminal zeigte. Besser gesagt fand er uns, hier bleibt man nämlich nicht lange allein, wenn man auch nur den Ansatz eines Fragezeichens auf der Stirn hat. Irgendjemand kommt immer auf einen zu und fragt, was man sucht. Nach einer weiteren Busfahrt nach Rivas und kurzen Taxifahrt zur Hafenstadt San Jorge bestiegen wir eine kleine, etwas rostige Fähre Richtung Ometepe. Die Insel liegt im größten Binnensee Mittelamerikas, dem Lago de Nicaragua, und ist gleichzeitig die größte Vulkaninsel in einem Süßwassersee. Als wir in San Jorge am Kai standen, dachten wir zuerst, wir würden auf das Meer blicken. Die Größe des Sees ist gigantisch. Unser Bodensee (immerhin Deutschlands größter See) sieht dagegen aus wie eine Pfütze und passt über 15 Mal in den Nicaragua-See. Verstärkt wurde unser Meer-Gefühl auch von dem erstaunlichen Wellengang, der die erste Hälfte der Überfahrt zu einer ganz schönen Schaukelei machte. Ometepe beherbergt mit dem Concepción und Maderas zwei Vulkane, die die Insel formten und sich nun durch den Wellengang vor uns auf und ab bewegten.

Auf Ometepe sahen wir viele einfache Behausungen aus Wellblech und Holzbrettern, zwischen denen Hühnchen und Schweine umherliefen. So stellt man sich das ursprüngliche Südamerika vor. Richtig durchgeschlagen hat der Tourismus dort noch nicht. Was sich auch am Straßennetz und dem öffentlichen Nahverkehr bemerkbar macht: Es gibt eine Hauptstraße, die einmal um die Insel führt und nur zur Hälfte gepflastert ist, die andere Hälfte ist Schotterpiste. Busse fahren nur auf der gepflasterten Seite und auch nur ein paar Mal am Tag. Dadurch war schnell klar, dass wir uns ein Gefährt mieten müssten, wenn wir etwas von der Insel sehen wollten. Mit motorisierten Zweirädern haben wir in Thailand schlechte Erfahrung gemacht, diese erste und einzige Rollerausfahrt vor neun Jahren hatte einen bleibenden Eindruck auf unsere Extremitäten.

Auf vier Rädern sollte es sich deutlich sicherer fahren, dachten wir, und mieteten uns ein Quad. Eine perfekte Wahl, wie sich nach kurzer Zeit herausstellen sollte, denn die Schotterpiste war durch die Regenzeit an einigen Stellen ziemlich matschig. Nicht nur das, durch den vielen Regen sind so ziemlich alle Strände der Insel einfach verschwunden und obendrein die ein oder andere Straße überflutet. Da waren wir schon froh um unsere vier Räder und konnten so mit etwas frischem Fahrtwind um die Nase perfekt die Insel erkunden. Sehr gut gefallen hat uns der Wasserfall San Ramón. Aus einer Höhe von 50 Metern fällt dort das kühle Nass herunter und lädt zu einer kurzen Erfrischung ein. Nach dem schweißtreibenden Aufstieg zum Wasserfall haben wir die selbstverständlich gerne angenommen. Erfrischt und mit aufgefüllten Wasserflaschen haben wir uns dann auf den Rückweg bergab begeben. Vorbei an schreienden Brüllaffen, die jedes Mal ihre Artgenossen warnen, wenn sich etwas Lautes vorbeibewegt. Egal ob Mensch, Flugzeug, Mofa. Das Gebrüll geht wie ein Echo durch den Wald.

Ein weiteres kleines Naturwunder durften wir dann abends bestaunen, als wir mit dem Quad wieder zur Unterkunft gefahren sind (abends bedeutet hier ab 17:30 Uhr, dann geht nämlich die Sonne bereits unter). Im Dämmerlicht leuchteten rechts und links neben der Straße abertausende Lichtpunkte auf. Leuchtkäfer säumten die Straße und gaben sich kräftig Mühe, die Fahrt in ein weiteres faszinierendes Erlebnis zu verwandeln.

Als Nächstes wollten wir in die Stadt Granada. Bevor wir zu einer nächsten Station aufbrechen, recherchieren wir im Netz immer, wie man dort hinkommt. Dabei legt man in Süd- und Mittelamerika ganz schnell seine deutsche Attitüde ab, alles genau planen und wissen zu wollen. Abfahrtszeiten? Ticketreservierung? Fahrtzeit? No sé, kommt drauf an! Hier genügt es zu wissen, wo der nächste Busbahnhof ist und in welche Richtung es gehen soll. Danach heißt es: einfach hinlaufen und fragen. Die Leute dort wissen eh immer, wo man hin möchte, so scheint es jedenfalls. Abfahrtszeiten sind auch eher grobe Empfehlungen. Der Bus fährt eben, wenn er voll oder fast voll ist oder wenn sich der Busfahrer danach fühlt. In Nicaragua wird das Bussystem größtenteils mit sogenannten „Chicken Busses“ bedient. Alte, ausrangierte US-amerikanische Schulbusse aus den 80ern bekommen hier ein zweites Leben (oder ein Leben nach dem Tod, je nach Bus halt). Ihren Namen haben die Busse nur zum Teil von reisenden Hühnchen. Er beschreibt eigentlich besser das eigene Gefühl beim Mitfahren, da die Busse oft gerammelt voll sind und wenn man tatsächlich einen Sitzplatz bekommen hat, dann wünschen sich die Beine nach kurzer Zeit, lieber keinen bekommen zu haben. Der Sitzabstand ist halt immer noch für Schüler ausgelegt.

Nach der Überfahrt mit der Fähre von Ometepe zurück aufs Festland fragten uns am Rivas-Busterminal angekommen gleich drei Leute auf einmal, wohin wir denn möchten und rezitierten verschiedene Destinationen. Unsere Antwort führte zu dreifachem Kopfnicken, Fingergedeute und Klopfen auf den Bus direkt vor uns. Dann wurden wir zur Hintertür geführt, unsere großen Rucksäcke wurden abgenommen und im Handgepäckfach verstaut (wir wissen bis heute nicht, wie das funktionierte, muss ein Schrumpfzauber gewesen sein). Wir waren früh dran, also bekamen wir einen Sitzplatz. In 20 Minuten sollte es losgehen. Es war ein warmer Tag mit 30 Grad draußen und wir waren vom Laufen mit unseren Rucksäcken bereits ziemlich verschwitzt. Bei den digitalen Urlaubskatalogbildern denkt jeder immer „Ohhh, so schön warm und sonnig dort, wie schööön.“ Dieser Gedanke verdampft ganz, ganz schnell beim Laufen mit 17 Kilogramm auf dem Rücken und acht Kilogramm vor der Brust. Wartet, kann nicht verdampfen, dafür ist es deutlich zu schwül. Er sammelt sich eher mit anderen Gedanken zur klimatisch eher ungünstigen Kunstledersitzbank auf der Oberlippe. Nun saßen wir also noch 20 Minuten in dem Bus, der immer voller wurde und wo zusätzlich etliche Leute ein- und ausgingen, um lautstark verschiedene Getränke und Snacks anzubieten. Nach kurzer Zeit fühlten wir uns wie zwei Krabben in einem Kochtopf, die langsam in ihrem eigenen Saft gegart wurden. Immerhin litten die Einheimischen genau so. Nachdem wir nach 20 Minuten übergar waren und schon Delphine durch den Gang schwimmen sahen (Hitzehalluzination), fuhr der Bus endlich los und die natürliche Klimaanlage namens offenes Fenster wurde aktiviert.

Granada ist eine wirklich schöne Stadt mit viel Kolonialarchitektur. Gerade die Cafés in den begrünten Innenhöfen der Häuser sind sehr entspannt. Zu unserer Überraschung wurde die Stadt just bei unserer Ankunft auf Weihnachten getrimmt. Der zentrale Platz strotzte nur so vor Lichtinstallationen mit Weihnachtsmotiven. Trotz alledem will die Weihnachtsstimmung nicht so recht bei uns aufkommen, dafür passt das Klima einfach nicht. Neben der Stadt ist auch das Umland von Granada sehenswert. So fuhren wir zur Apoyo-Lagune, einem riesigen Kratersee, in dem man prima schwimmen kann und der uns etwas an die Quilotoa-Lagune in Ecuador erinnerte.

Nach einer kurzen Stippvisite in der Stadt Masaya fuhren wir in der Abenddämmerung auf den gleichnamigen Vulkan. Es fühlte sich falsch an, einfach nach oben zu fahren und nicht zu laufen, aber hochlaufen ist aktuell leider aufgrund der Aktivität nicht erlaubt – im Notfall muss schnell evakuiert werden können. Im Dunkeln ist das Runterlaufen zudem eher nicht so schön. Immerhin konnten wir einen kurzen Walk zu einem Aussichtspunkt unternehmen. Kurz vor dem Gipfel fing es dann an aus Kübeln zu schütten und ein Gewitter zog auf. Als wir zurück zum Parkplatz gingen, war die Stimmung einfach nur mystisch, mit plötzlichem Nebel und zuckenden Blitzen im Hintergrund. Zumal wir nun zur Haupttaktion gingen, die wohl noch besser zu verstehen ist, wenn man die anderen Namen des Vulkans übersetzt. So nennt die indigene Bevölkerung den Vulkan „Nahuatl“, was brennender Berg bedeutet, eine weitere Bezeichnung ist „La Boca del Infierno“, Höllenschlund, und in genau diesen wollten wir nun schauen. Der Masaya ist einer der wenigen Vulkane, dem man direkt in den Krater schauen kann und sogar die brodelnde Lava sieht. Der rot glühende Nebel über dem Abgrund bot bereits einen Vorgeschmack und als wir dann an der Mauer standen und nach unten starrten, konnten wir es tatsächlich blubbern sehen. Ein Whirlpool aus geschmolzenem Stein. Die im Hintergrund zuckenden Blitze vervollständigten das unwirkliche Bild. Wir haben ja jetzt schon den ein oder anderen Vulkan in Süd- und Mittelamerika gesehen. So nah ran sind wir bisher aber noch nie gekommen. Das war nochmal eine ganz andere Erfahrung und ruft einem wieder eindrücklich in Erinnerung, auf was wir eigentlich leben – sollte sich noch einmal wiederholen, diese Erfahrung.

Nachdem wir den Masaya nur hochfahren konnten, wollten wir in Nicaragua natürlich auch einen Vulkan besteigen, im Sinne von selbst hochlaufen. Einen Steinwurf von Granada entfernt ragt der Mombacho empor. Er ist zwar ein aktiver Schichtvulkan, aber schon so lange nicht mehr ausgebrochen, dass sich um ihn herum eine erstaunliche Flora und Fauna entwickelt hat. Vor allem viele Orchideenarten gibt es hier zu sehen, außerdem dampfende Löcher, aus denen Schwefelgeruch steigt. Eine Ortsansässige hat uns sogar eine Pflanze gezeigt, die wir roh essen konnten – schmeckte zitronig-frisch. Wenn man sie also richtig identifiziert, kann man sich davon im Wald ernähren, meinte sie. Da das Blatt für uns aussah wie viele andere Büsche, bleiben wir trotzdem zukünftig bei unseren Müsliriegeln und Bananen als Gipfelsnack. Vom Gipfel hatten wir diesmal zunächst keine gute Sicht, der Berg hatte sich mit einer dicken Wolke umgeben. Da das Wetter hier aber so schnell wechselt, braucht man nur ein bisschen Geduld. So wurden wir am Ende doch noch mit einem tollen Ausblick auf die Stadt Granada, den Nicaragua-See mit seinen vielen kleinen Inseln sowie der Apoyo-Lagune belohnt.

Von dem Anblick auf den Geschmack gekommen, wollten wir uns die eben erwähnten Inseln im Nicaragua-See einmal genauer anschauen. Daher haben wir uns eine kleine Auszeit in einer Ecolodge gegönnt und hier für zwei Tage die Seele baumeln lassen. Ja, Reisen ist das Tollste überhaupt und wir lieben es, manchmal kann es aber auch ziemlich anstrengend sein. Es ist eben eine Reise und kein (oder nicht nur) Urlaub. Deswegen kam diese kleine Auszeit für uns wie gerufen. Mit einem kleinen Boot sind wir dafür zehn Minuten übers Wasser getuckert. Und schwupp waren wir in einer anderen Welt, fern ab vom Lärm der Stadt. Wer das Paradies sucht – hier haben wir es gefunden! Die Insel ist klein. So klein, dass hier nur die Lodge mit ihren drei Hütten für Gäste, Restaurant und Mini-Pool darauf passt. Ok, wir haben noch Hühnchen gackern hören, die in einem Gehege auf der Rückseite die Eierversorgung sicherstellen. Ansonsten war hier aber wirklich nichts. Perfekt für ein bisschen Ruhe und Entspannung. Das Konzept der Lodge hat uns super gefallen, ohne hier jetzt Werbung machen zu wollen. Alle Materialien (vom Holz für die Hütten über die Badetücher bis hin zu den Zutaten in der Küche) kommen von der Insel bzw. einer der vielen kleinen Nachbarinseln oder maximal drei Stunden entfernt von Granada. Betrieben wird die Lodge ausschließlich mit Solarstrom, der direkt auf der Insel gewonnen wird. Das Wasser aus dem Hahn kommt (naheliegenderweise) direkt aus dem See und wird mehrfach gefiltert. Auch die netten Angestellten des Hotels kommen alle von einer der kleinen Isletas. Wir wollten hier gar nicht mehr weg!

Frisch erholt und mit neuer Energie sind wir dann weiter nach León gefahren. Neben Granada ist León eine weitere schicke Kolonialstadt und gleichzeitig eine der heißesten Städte Nicaraguas. Die meisten Unterkünfte haben dort nur kalte Duschen, weil sowieso keiner heiß duschen will. Können wir so bestätigen, zumindest als wir dort waren, war es in der Stadt wie in einer Sauna. Die einstige Hauptstadt hat uns richtig gut gefallen. Nicht nur die Stadt an sich hat Flair, mit ihren vielen bunten Häusern, den Marktständen, Cafés und Restaurants. Auch um León herum gibt es viel zu erleben. Unter anderem ist der Pazifik-Strand in Las Peñitas nicht weit. Bekannt als Surfspot haben wir hier einen Nachmittagsausflug zum Strand inklusive wundervollem Sonnenuntergang gemacht.

Seit wir gehört hatten, dass man bei León die Vulkane nicht nur hochklettern, sondern auch runterflitzen kann, war uns klar – das machen wir. So sind wir am ersten Tag mit einer Gruppe Action-Lustiger in einem offenen Geländelastwagen zum Cerro Negro gefahren. Wie ein umgedrehter Zuckerhut ganz aus schwarzem Lavasand und -steinen geformt, sticht er aus den vielen Vulkanen der Gegend stark heraus. Gewappnet mit speziellem Surfbrett und Ganzkörperanzug sowie einer Art Taucherbrille haben wir dann auf einer Wanderung den aktiven Vulkan erklommen. Dass er aktiv ist, durften wir selbst erfahren. Einer unserer Begleiter hat am Gipfel eine Mulde gegraben und wir durften unsere Hand reinlegen. Der Sand dort war richtig heiß. So heiß, dass man Eier vergraben und diese nach einigen Minuten tatsächlich hart „gekocht“ wieder ausbuddeln kann! Eier gabs für uns keine, wir waren eher scharf auf die Abfahrt. Auf Vulkan-Boards gings dann den steilen Hang senkrecht bergab. Das war richtig witzig 🙂 Profis können mit den Dingern bis zu 70 km/h schnell werden. Keine Sorge, so schnell waren wir nicht. Den Sand konnten wir hinterher trotzdem wirklich überall finden. In den Klamotten, in den Schuhen und Socken, in den Augen und Ohren und noch ein paar Tage beim Haarewaschen.

Nach der actionreichen Tour den Vulkan runter, wollten wir ein weiteres Mal den Vulkan hoch. Dafür hatten wir uns mit dem Telica Nicaraguas aktivsten Vulkan ausgesucht. Wie für viele Touren in Mittel- und Südamerika wird ein Guide empfohlen, ist in dem Fall jedoch kein Muss. Ausgestattet mit Offlinekarten sind wir also sehr früh morgens mit dem Chicken-Bus losgefahren und haben uns den Weg zum Gipfel gesucht. Gesucht trifft es ganz gut, denn selbst mit GPS und Offlinekarte, auf der eine gestrichelte Linie eingezeichnet ist, war der Weg gar nicht so leicht zu finden. Schilder gibt es nämlich keine und man kann eigentlich nur dem Pfad folgen, den auch die Einheimischen mit ihren Pferden nehmen. Anfangs kein Problem, im Zweifel folgt man einfach den Hinterlassenschaften der Pferde. Irgendwann wurde es aber wilder und einsamer. Und was macht man, wenn der einzige Weg zu einer einsamen Wellblechhütte mit Pferd, Ziegen und Schafen führt? Eventuell geht der Weg ja dahinter weiter, dachten wir uns. Dachten sich die Hunde eher nicht, die dort wohnten. Während wir das Herrchen noch in der Hütte telefonieren gehört haben, haben seine Wächter uns sehr deutlich klargemacht, dass wir hier nicht erwünscht sind und dass wir sie auch nicht nach dem richtigen Weg zu fragen brauchten. Hunde gibt es in Mittel- und Südamerika wie Sand am Meer und die meisten sind auch wirklich lieb. Daher haben wir kein Problem damit, an den Fellfreunden vorbeizulaufen. Wenn uns nur einer kläffend hinterherrennt, gibt das doch ein ungutes Gefühl. Man weiß ja nie, wie ernst der seinen Wächter-Job nimmt. Also sind wir weiter, bloß nicht zurück und nochmal an der Hütte vorbei.

Die Karte hat uns inzwischen gesagt, dass wir wirklich vom Weg abgekommen waren, also haben wir uns über einen großen Umweg querfeldein über Felder und durch Büsche den Weg zurück zu so etwas wie einem Pfad gesucht. Letztendlich haben wir aber dank Offlinekarte und Navigationsgeschick zurück auf den Weg gefunden. Danach ging es weiter dem Gipfel entgegen auf nicht ganz so schön ausgebauten Wanderwegen. Luftfeuchtigkeit und Hitze machen so eine Tour hier sehr, sehr anstrengend. Uns lief der Schweiß nur so in Bächen über das Gesicht und jedes Kleidungsstück war nass, als wir mit etwas Zeitverlust nach fünf Stunden am Gipfel des Telica ankamen. Die ganze Anstrengung und Pfadfinderei hat sich am Ende wirklich gelohnt! Wie schon auf dem Masaya-Vulkan kann man auch dort direkt in den Schlot des Vulkans schauen. Nur, dass dieser Schlot noch mehr dampft und man ohne Tuch vor dem Mund besser nicht zu nah ran geht. Ein weiteres Mal waren wir dem Erdinneren ganz nah und das hat uns wieder einmal richtig beeindruckt.

Mit León haben wir unsere Nicaragua-Reise beendet. Zwar haben wir auf der Weiterreise eine Nacht in Managua, der Hauptstadt des Landes verbracht, um die folgende Strecke etwas zu unterteilen. Hier haben wir aber wenig gesehen und das, was wir gesehen haben, hat uns auch nicht wirklich gefallen, daher lassen wir den Stopp hier mal aus.

Wenn ihr das lest, haben wir eine zwölf-Stunden-Busfahrt von Managua über die Grenze nach San José in Costa Rica sowie eine weitere elf-Stunden-Busfahrt von San José nach Panama hinter uns. Davon erzählt aber eine andere Geschichte.

Nicaragua hat uns durch seine Natürlichkeit und Ursprünglichkeit sehr gut gefallen 🙂 Auch die Menschen hier sind super freundlich, hilfsbereit und gastfreundlich.

Wir schicken liebe und sonnige Grüße an die bereits verschneite Heimat!

Eure Weltenbummler Lenny & Franzi

Vorweihnachtliche Grüße 🙂

*Zu sehen, wie unglücklich die Menschen mit der aktuellen politischen Lage sind, macht uns sehr nachdenklich. Seit 2018 wird das Land autokratisch regiert und von einer Familie geführt. Bei den Unruhen damals sind sehr viele Menschen verschleppt oder auf offener Straße getötet worden, weil sie gegen die Regierung demonstrierten. Eine unserer Gastgeberinnen hat uns ein wenig darüber erzählt. Einheimische sprechen nicht über die Regierung, aus Angst, von der Polizei verschleppt zu werden. Einer, der es trotzdem getan hat, hat sich dafür aber extra mit uns in einen Innenhof eines westlichen Hotels gesetzt. Mit Handy im Flugmodus. Wir gehen wieder einmal mit dem Gefühl, wie gut es uns eigentlich geht. Bei uns wird keiner auf Demos erschossen oder in seinem Haus verbrannt, weil er seinen Unmut friedlich kundtut. Der, mit dem wir gesprochen haben, meinte gegen Ende nur: Irgendwann wird alles so sein, wie es einmal war. Auch wenn es lange dauert.

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